Gabriel Schillings Flucht (1912) zählt zu den wichtigsten
Künstlerdramen Gerhart Hauptmanns. Vor der rauen Kulisse
der Ostsee entfaltet Hauptmann den Stoff rund um den Maler
Gabriel Schilling, der auf der Ostseeinsel Fischmeisters Oye
Ruhe und Klarheit sucht. Doch die ersehnte Flucht wird zur
Konfrontation: mit seiner Ehe, seiner Geliebten, seinen Idealen
– und letztlich mit sich selbst. Die Naturkulisse wird zur
Bühne innerer Kämpfe, der Konflikt stellt Schillings künstlerische
Identität und zugleich seine Existenz als Mensch in
Frage.Bei seiner Uraufführung stieß das Stück auf geteilte Resonanz:
bewundert für seine psychologische Tiefe und sprachliche
Kraft, zugleich kontrovers diskutiert wegen seiner schonungslosen
Offenheit gegenüber Ehe und Moral. Heute gilt
es als Schlüsselwerk der Moderne – ein zeitloses Drama über
Selbstbestimmung und die zerstörerische Kraft ungelebter
Wahrheiten.
Ein einziger Satz aus der Vergangenheit – und das Leben
gerät aus den Fugen: Als Bernhard Demetriou, angesehener
Münchener Radiologe, eine Postkarte aus dem Jahr 1988 in
Händen hält, stürzt ihn die Botschaft in einen Strudel aus
Erinnerungen, Sehnsucht und Schuld. »Deine, immer Deine
Julia« – Worte einer Jugendliebe, die ihn damals wie heute
elektrisieren. Warum erreicht ihn diese Nachricht erst jetzt?
Und was wäre gewesen, wenn …?Bernhard beginnt zu suchen – und findet sich wieder in
einer Welt, die er längst hinter sich glaubte: Berlin, die wilden
Achtziger, politische Proteste, Nächte voller Zaubertricks und
Träume. Ein Kongress führt ihn nach Berlin, wo er Chris,
einen Freund aus seiner damaligen Aktivistengruppe, trifft.
Chris behauptet, Julia existiere nicht mehr. Kurz darauf folgt
eine überraschende Wendung: Auf dem Friedhof St. Matthäus
steht Julia plötzlich vor Bernhard – unter neuem Namen:
Britta Gernson. Diese Begegnung wirbelt alles durcheinander:
Bernhards Beziehung zu Nele, seine Gewissheiten, sein Bild
von sich selbst. Zwischen bürgerlichem Lebensstil und dem
Lockruf der Freiheit muss er entscheiden, was zählt: Sicherheit
oder Leidenschaft, Gegenwart oder Vergangenheit.
Nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus gibt der geläuterte ehemalige Magistratsschreiber Lorenz Lubota, der in kriminelle Machenschaften geraten war, seine Geschichte wieder: wie seine obsessive Liebe zu der 13-jährigen Veronika Harlan ihn dazu angetrieben hatte, sich eine Karriere als erfolgreicher Dichter zu erträumen. Unterstützt von seiner zwielichtigen Tante Helene Schwabe und deren Liebhaber Wigottschinski gründete er eine Scheinfirma gegründet, die jedoch scheiterte. Als die Tante misstrauisch wurde, plante Wigottschinski einen Raub, der in Mord endete.
Wie auch in anderen Romanen und Erzählungen verarbeitete Hauptmann in dem zwischen 1915 und 1921 verfassten und 1922 veröffentlichten Roman eigene Erlebnisse: das Breslauer Nachtleben während seiner dortigen Studienjahre und seine Erfahrungen mit Frauen. Im Erscheinungsjahr von Phantom kam ein auf dem Roman basierender gleichnamiger Stummfilm von Friedrich Wilhelm Murnau in die Kinos.
Edmund-Edel-Werkausgabe, Bd. 4, hg. von Björn Weyand
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zwingt den Journalisten und Bohemien Robert Büchner und die Varietétänzerin Martha Stängel zur Rückkehr ins Deutsche Reich. In Berlin schlagen sie sich als Komparsen beim Film durch. Büchner gelingt der Aufstieg zum Drehbuchautor und Regisseur. Sein Ziel: eine Reform des Films als Kunst. Sein Film Die schwingende Seele wird von der Kritik gefeiert und Martha van Goes alias Martha Stängel zum neuen Star der Filmbranche. Gelingt es Büchner, diesen Erfolg mit einer Verfilmung von Goethes Faust noch zu überbieten?
Das Glashaus erschien erstmals 1917. Edels Roman ist ein einzigartiges Dokument über die frühe Stummfilmära – und eine wunderbar komische Satire über die Widersprüche von Kunst und Kommerz, Literatur und Film, Konkurrenz und Liebe.
Tief im 21. Jahrhundert: Die Erde hat sich weiter erhitzt, Roboter sind in die Gesellschaft integriert, und die ersten Menschen landen auf dem Mars. Auf den Trümmern der EU ist ein Gebilde entstanden, das sich Tri-Staat nennt, bestehend aus Frankreich, Deutschland und Polen – ein autoritärer, in Zügen totalitärer Staat, der sein Volk durch technologische Errungenschaften an sich zu binden und zu vereinen sucht. Während der Tri-Staat den Fortschritt feiert, und zwar ohne Rücksicht auf Verluste, gründen sich auf seinem Territorium eine ganze Reihe von Kommunen, die ein anderes Lebens- und Wirtschaftsmodell praktizieren, das auf Selbstbeschränkung, Selbstversorgung und Nachhaltigkeit beruht. Der Staat versucht, die rebellischen Kommunen mit Hilfe von Spitzeln zu kontrollieren. Einer von ihnen, Simon Loher, Deckname Lohengrin, verzweifelt zunehmend an seiner Rolle. Da wird er auf die politische Aktivistin Yuna angesetzt, seine frühere Geliebte ...
Ein abgründiger Zukunftsroman, atemberaubend und irrwitzig erzählt – und bereichert durch Einwürfe von Forscherinnen und Forschern, die sich über die künftige Verteilung der natürlichen Ressourcen, wirtschaftliche Entwicklungen und gesellschaftliche Konstellationen Gedanken machen: Eileen Blum, Alena Buyx, Antje Boetius, Johannes Caspar, Aladin El-Mafaalani, Detlev Glanert, Armin Grunwald, Manfred Hild, Niko Paech und Ute Schmid.
Dichterärzte und Arztversteher – Patienteninnenklagen und Hoffnungsschimmer – Krankheitsfälle und Rezepte – Lehrreiches und Spottgedichte – Lyrische Medizin.Hilfreiche Utensilien ärztlicher Bemühungen waren über Jahrtausende stets: das Wort, die Pflanze, das Messer. Und doch bleibt das Heilen bekanntlich eine Kunst. In dieser von Jakob Leiner herausgegebenen Anthologie an der Schnittstelle von Lyrik und Medizin eröffnet sich ein Kaleidoskop seelisch-körperlichen Befindens: 101 Dichtende aus fünf Jahrhunderten, vom Beginn der Neuzeit bis zur Gegenwart.Lehrgedichte und Rezepte bilden weiter, während Gläubige Heilung in christlicher Lehre suchen. Es wird barock lamentiert, romantisch verklärt und anatomisch beobachtet. Die Aufklärung rückt vieles zurecht und vergisst so manches; natürlich hält die Moderne Einzug, mit ihr die große Abstraktion, die schrecklichen Kriege, das heilsam Eklektische. Und natürlich soll zu jeder Zeit der Humor als gesundheitsförderliche Ressource aufblitzen. Gleich zu Beginn sticht das Schiff der Narren in See; im Jahr 1527 wird Paracelsus mittels lyrischer Schmähschrift »geroasted«; weiter hinten kommt ein kettenrauchender Lungenfacharzt zu Wort.So stehen die hier zusammengestellten Texte für die Kunst des Heilens und Erkrankens in all ihren psychosomatischen Facetten. Ob als Bestandsaufnahme oder Seelenspiegel – durch Rezeption wird Lyrik selbst zur Medizin. Denn die (eigene) Sprache trägt sich selbst. Sie kann ein Kurort sein.
Wir trauern um unseren Autor und Karikaturisten Harald Kretzschmar
23. Mai 1931 - 27. Juni 2024
Über viele Jahre begleitete uns Harald Kretzschmar als Verlagsautor, als wacher Beobachter der Verlags- und Presselandschaft, immer interessiert am unabhängigen Verlegen, immer am Puls der Zeit, immer mit klugem Rat, auch mit Optimismus - und wo dieser wankte, mit scharfem Witz.
> zum Nachruf "Größen und Gernegrößen" in nd Der Tag von Hans-Dieter Schütt > zum Nachruf der Gemeinde Kleinmachnow