Ein älterer, leicht misanthropischer Autor aus Ostdeutschland
erwacht mit dem Gefühl, dass nichts mehr ist wie zuvor.
Tatsächlich sitzt wenig später ein unerwarteter Gast in seiner
Wohnung: der tschechische Schriftsteller Bohumil Hrabal –
tot, und doch höchst lebendig. Anfangs kaum größer als ein
Däumling, erweist sich Hrabal rasch als ebenso unberechenbarer
wie wortgewaltiger Begleiter, der seinen erstaunten
Gastgeber auf eine absurde Reise mitnimmt. Was folgt, ist ein
wilder Ritt durch Zeiten und Systeme: von Prager Kneipen
über kommunistische Machtzentralen bis in private Erinnerungsräume,
in denen sich Schuld, Anpassung und Verdrängung
verdichten. Historische Figuren wie Václav Havel oder
Walter Ulbricht erscheinen dabei ebenso unvermittelt wie
Gott und der Teufel selbst.Andreas Montag entfaltet ein bitterkomisches Panorama
politischer Verirrungen und individueller Verstrickungen.
Mit scharfem Witz und einem respektlos-poetischen Tonfall
stellt er die entscheidenden Fragen: Wie wird man Diktaturen
los? Wie geht man mit den Albträumen um, mit den nicht
verheilten Wunden, die von den erzwungenen Kompromissen
geblieben und später meist verdrängt worden sind? Die
Antwort dieses außergewöhnlichen Buches ist ebenso überraschend
wie befreiend: durch ein großes Gelächter.
Günter de Bruyn hat seine nie versiegende Faszination für die
märkische Landschaft, die aufgrund ihrer sandigen, kargen
Beschaffenheit einst als »Streusandbüchse« verspottet wurde,
mit der neugierigen Bereitschaft erklärt, deren verborgene
Reize erkunden zu wollen. Dabei ging es ihm um ein »Gefühl
für Landschaft und Geschichte, für an Landschaft ablesbarer
Geschichte«, wie es in einer Tagebuchnotiz von 1969 heißt.
Er las Kirchenbücher und Chroniken, fand alte Flurkarten,
um auch wenig bekannte Orte wie Schwenow, Kossenblatt
oder Friedersdorf am Rande des Oderbruchs in seinem eigenwilligen
Koordinatensystem zu verorten.Im Beeskower Nachlass fanden sich Fahrtenberichte, Tagebucheintragungen
und Briefe, die belegen, dass de Bruyn
seit den 1960er-Jahren systematisch und kontinuierlich auf
geplanten Wanderfahrten unterwegs war. Gezielt suchte er
Herrensitze, Schlösser und Kirchen auf, um deren baulichen
Zustand mit kritischem Blick zu begutachten. Die inspizierten
Orte und ihre Denkmäler lieferten ihm aber auch wertvolles
Material für Buch-Projekte wie Mein Brandenburg,
Abseits. Liebeserklärung an eine Landschaft oder Kossenblatt.
Das vergessene Königsschloss. So verbindet sich in de Bruyns literarischer
Vermessung märkischer Kulturlandschaft Authentisches
mit Fiktivem zu einer einzigartigen Collage.Die hier erstmals veröffentlichten Fahrtenberichte Günter
de Bruyns umfassen die Jahre 1980 bis 1991. Zusammen mit
einer Auswahl zeitgleich entstandener Tagebuchaufzeichnungen,
Briefe und Fotos sind sie beredte Zeugnisse seiner Heimatsuche
im Märkischen.
Im Auftrag der Akademie der Künste herausgegeben von Michael Krejsa
Seit den Anfängen der Moderne nutzen Künstlerinnen und
Künstler das kleine Format, um Ideen, Stimmungen und
Freundschaftsbekundungen festzuhalten – von den Expressionisten
der »Brücke« bis in die Gegenwart. Künstlergrüße auf
Postkarten, Briefen und ungewöhnlichen Bildträgern eröffnen
einen faszinierenden Kosmos zwischen persönlicher Mitteilung
und eigenständigem Kunstwerk. Die Verbindung von
Bild und Text erzeugt dabei konzentrierte »Schrift-Bilder«, in
denen sich Alltägliches, Poetisches und Politisches auf engstem
Raum verdichten.Michael Krejsa und sein Team schöpfen aus den reichen Beständen
des Archivs Bildende Kunst der Akademie der Künste
in Berlin und machen bisher kaum bekannte Arbeiten aus
über einem Jahrhundert sichtbar. Als Teil umfangreicher Vor- und
Nachlässe dokumentieren diese oft unscheinbaren Objekte
den »Maschinenraum« der Kunstgeschichte. Sie zeigen,
wie eng Leben und Arbeiten verflochten sind, und machen
die künstlerische Handschrift unmittelbar erfahrbar.Die Auswahl vereint 66 exemplarische Grüße aus den
Jahren 1921 bis 2012 – handgezeichnete Postkarten, collagierte
Briefe oder spontane Skizzen, die als Geschenk, Kommentar
oder Zeichen der Verbundenheit verschickt wurden.
So entsteht ein vielstimmiges Panorama: humorvoll und
nachdenklich, politisch und intim, geprägt von Experimentierfreude
und persönlicher Geste.
Schriften der Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft und Gerhart-Hauptmann-Häuser III
Das dramatische OEuvre Gerhart Hauptmanns nimmt innerhalb
seines Gesamtwerks eine herausragende Stellung ein. Der Literaturnobelpreisträger
von 1912 gilt heute längst nicht mehr ausschließlich
als bedeutendster Repräsentant des naturalistischen
Dramas, sondern als eine zentrale Schlüsselfigur der literarischen
Moderne.Gerhart Hauptmann und das Theater vereint die Beiträge eines
internationalen Berliner Symposiums, das sich im November 2025
der gesamten Spannbreite von Hauptmanns dramatischem Schaffen
widmete und zugleich Einblicke in die vielfältige Rezeptionsgeschichte
seiner Werke eröffnete.Im Mittelpunkt stehen die Dramen Vor Sonnenaufgang, Die
Weber, Michael Kramer, Einsame Menschen, Kollege Crampton,
Rose Bernd, Die Ratten, Dorothea Angermann, Vor Sonnenuntergang,
Magnus Garbe, Die Atriden-Tetralogie. Aber auch Dramenfragmente
wie Die Wiedertäufer werden in den Blick genommen.
Durch die historische und dramentheoretische Auseinandersetzung
mit den Heidelberger Festspielen, Hauptmanns Verhältnis
zur Dramentheorie der Moderne, zum Kabarett und der Funktion
des Theaters in dem Roman Im Wirbel der Berufung wird ein vielschichtiges
Bild des Dichters gezeichnet.
Mit einer Dokumentation herausgegeben von Markus Neumann
Schriften der Rudolf-Borchardt-Gesellschaft, Band 18
Rudolf Borchardt erwarb bereits in jungen Jahren jene geistige Eigenständigkeit,
die sein späteres Werk auszeichnet. Seine Schulzeit
am Königlichen Gymnasium zu Wesel (1893 bis 1895) erweist
sich dabei als prägende Phase: In einem vom humanistischen Bildungsideal
geprägten Umfeld entwickelt sich ein außergewöhnlicher
Schüler, der durch umfangreiche Lektüre, sprachliche Virtuosität
und eigenwillige Urteile hervortritt.Der von Markus Neumann herausgegebene Band macht erstmals
Borchardts vollständig erhaltene Deutschaufsätze aus dem
letzten Schuljahr zugänglich. Die Texte – entstanden zwischen Mai
und Dezember 1894 – behandeln anspruchsvolle Themen wie die
Grenzen von Dichtung und bildender Kunst im Anschluss an Lessings
Laokoon, die Analyse von Kaulbachs Zerstörung Jerusalems,
Charakterstudien zu Shakespeare sowie vergleichende Untersuchungen
zu Achill und Siegfried.Ein ausführlicher Kommentar erschließt die Quellen und zeichnet
ein lebendiges Bild des Gymnasialunterrichts im ausgehenden
19. Jahrhundert. Ergänzt wird die Edition durch Dokumente zur
Schulzeit und zur Abiturprüfung. So bietet der Band zugleich eine
exemplarische Perspektive auf Bildungswelt und literarische Sozialisation
im wilhelminischen Kaiserreich.
Ein einziger Satz aus der Vergangenheit – und das Leben
gerät aus den Fugen: Als Bernhard Demetriou, angesehener
Münchener Radiologe, eine Postkarte aus dem Jahr 1988 in
Händen hält, stürzt ihn die Botschaft in einen Strudel aus
Erinnerungen, Sehnsucht und Schuld. »Deine, immer Deine
Julia« – Worte einer Jugendliebe, die ihn elektrisieren. Warum erreicht ihn diese Nachricht erst jetzt?
Und was wäre gewesen, wenn …?Bernhard beginnt zu suchen – und findet sich wieder in
einer Welt, die er längst hinter sich glaubte: Berlin, die wilden
Achtziger, politische Proteste, Nächte voller Zaubertricks und
Träume. Ein Kongress führt ihn nach Berlin, wo er Chris,
einen Freund aus seiner damaligen Aktivistengruppe, trifft.
Chris behauptet, Julia existiere nicht mehr. Kurz darauf folgt
eine überraschende Wendung, und eine Begegnung wirbelt alles durcheinander.
Gabriel Schillings Flucht (1912) zählt zu den wichtigsten
Künstlerdramen Gerhart Hauptmanns. Vor der rauen Kulisse
der Ostsee entfaltet Hauptmann den Stoff rund um den Maler
Gabriel Schilling, der auf der Ostseeinsel Fischmeisters Oye
Ruhe und Klarheit sucht. Doch die ersehnte Flucht wird zur
Konfrontation: mit seiner Ehe, seiner Geliebten, seinen Idealen
– und letztlich mit sich selbst. Die Naturkulisse wird zur
Bühne innerer Kämpfe, der Konflikt stellt Schillings künstlerische
Identität und zugleich seine Existenz als Mensch in
Frage.Bei seiner Uraufführung stieß das Stück auf geteilte Resonanz:
bewundert für seine psychologische Tiefe und sprachliche
Kraft, zugleich kontrovers diskutiert wegen seiner schonungslosen
Offenheit gegenüber Ehe und Moral. Heute gilt
es als Schlüsselwerk der Moderne – ein zeitloses Drama über
Selbstbestimmung und die zerstörerische Kraft ungelebter
Wahrheiten.
Nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus gibt der geläuterte ehemalige Magistratsschreiber Lorenz Lubota, der in kriminelle Machenschaften geraten war, seine Geschichte wieder: wie seine obsessive Liebe zu der 13-jährigen Veronika Harlan ihn dazu angetrieben hatte, sich eine Karriere als erfolgreicher Dichter zu erträumen. Unterstützt von seiner zwielichtigen Tante Helene Schwabe und deren Liebhaber Wigottschinski gründete er eine Scheinfirma gegründet, die jedoch scheiterte. Als die Tante misstrauisch wurde, plante Wigottschinski einen Raub, der in Mord endete.
Wie auch in anderen Romanen und Erzählungen verarbeitete Hauptmann in dem zwischen 1915 und 1921 verfassten und 1922 veröffentlichten Roman eigene Erlebnisse: das Breslauer Nachtleben während seiner dortigen Studienjahre und seine Erfahrungen mit Frauen. Im Erscheinungsjahr von Phantom kam ein auf dem Roman basierender gleichnamiger Stummfilm von Friedrich Wilhelm Murnau in die Kinos.